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Landtagsrede von Patrick Humke-Focks

21. Januar 2010 Patrick-Marc Humke-Focks, sozialpolitischer Sprecher

Rede zum Thema: „Suizid im Alter: Früherkennung und Prävention stärken - Landesprogramm auflegen“

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Mit dem hier heute vorliegenden Antrag hat die SPD-Fraktion ein Thema aufgegriffen, das vor allen Dingen in den letzten fünf Jahren in aller Regelmäßigkeit von den Medien aufgegriffen worden ist und nach wie vor aufgegriffen wird. Anlass ist vor allen Dingen die steigende Zahl der älteren Menschen, die durch Selbsttötung aus dem Leben scheiden. Ich war selbst überrascht über den starken Anstieg der Zahl im Vergleich zu dem, womit wir uns damals im Rahmen meines Studiums auseinandersetzen mussten. Ich war wirklich erschrocken. Von daher auch von unserer Seite ein Dank an die SPD-Fraktion, dass sie das Thema aufgegriffen hat!

Die Experten stürzen sich heute auf dieses Rand- und Tabuthema unserer Gesellschaft und argumentieren entsprechend. Über den Tod sprechen wir alle nicht gern - das möchte ich vorwegschicken -, schon gar nicht über Freitod, schon gar nicht über eine Selbsttötung von älteren Menschen. Die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat mit Sicherheit dazu geführt, dass sich Familienverbände verändert haben, dass es eben nicht mehr - in Anführungsstrichen - normal ist, dass zwei oder drei Generationen unter einem Dach leben. Das Letztere hat auch dazu beigetragen, dass älter werdende Menschen mit ihrem Leiden alleine stehen und zusehends vereinsamen. Hinzu kommt, dass die sozialen Netzwerke in den letzten 20 Jahren sicherlich spürbar löchriger geworden sind und dass sich die Massenarbeitslosigkeit in diesem Zeitraum verfestigt hat. Das alles trägt dazu bei.

Da liegt natürlich die einfache Frage auf der Hand: Warum lässt unsere Gesellschaft es überhaupt zu, dass es so weit kommt? Wie kann es sein, dass sich immer mehr Menschen, deren Arbeitskraft irgendwann nicht mehr der kapitalistischen Verwertungslogik unterliegt, das Leben nehmen? - Der Soziologe Peter Klostermann wird in verschiedenen Artikeln - im Stern, in der taz, bei news.de; ich nehme an, wir alle haben dieselben Artikel und dieselben Broschüren gelesen - mit der Aussage zitiert, dass „Einsamkeit, zunehmende Immobilität, die Angst vor Abhängigkeit, die Furcht vor dem Pflegeheim … und die damit verbundene Verminderung der Lebensqualität“ als Teil der Motive benannt werden müssten. Weiter spricht er in einem anderen Artikel - vom 1. November 2009 auf news.de - von „einer gesellschaftlich verankerten Altersdiskriminierung“. Alarmierend ist aus unserer linken Sicht auch der Hinweis im gleichen Artikel, dass „eine Selbsttötung am Ende eines ‚verbrauchten’ Lebens plausibler und akzeptabler als in jüngeren Jahren“ erscheine.

Wer kennt nicht selbst die Aussage - vielleicht ist es einem selber auch schon einmal herausgerutscht -, er oder sie habe ein langes Leben gehabt, nun könne er oder sie in Frieden sterben usw.? - Damit wird allerdings nach diesem Soziologen ein „verzerrtes Altersbild mit fatalen Konsequenzen“ deutlich. Wir sind der Meinung, dass das nicht hinnehmbar ist. Wir Linke streben in der Perspektive nach einer Gesellschaft, in der auch alte Menschen nicht aus Gründen der Immobilität und der drohenden Abhängigkeit oder wegen des Damoklesschwerts der wachsenden Altersarmut meinen, sich das Leben nehmen zu müssen. Die Sicherung der Teilhabe am gesellschaftlichen und sozialen Leben, soziale Gerechtigkeit und Barrierefreiheit auch in den Köpfen sind wichtige Voraussetzungen für die Entwicklung einer solidarischen Gesellschaft.

Der SPD-Antrag unterbreitet hier eine Reihe von Vorschlägen, wie man sich diesem Problem hier und jetzt zügig zu stellen habe.

(Glocke des Präsidenten)

Wir Linke teilen die Aussagen in dem SPD-Antrag ausdrücklich. Wir wollen, dass die Präventionsarbeit im Fokus steht und dass Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten verbessert werden, auch und gerade für die Ärzte und das Pflegepersonal. Wir wollen, dass die Rolle der Hausärzte auch in der Fläche gestärkt wird usw. Ich möchte hier gar nicht jeden einzelnen Punkt zitieren. Das alles unterstützen wir; ich habe es gesagt. Wir wissen auch um die Sensibilität dieses Themas.

Wir Linke sagen aber auch, dass die beste Prävention derartiger Probleme die unstrittige Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben ist. Nicht umsonst haben wir Linke in den letzten Haushaltsberatungen zielgerichtet Anträge für mehr Mobilität für Senioren, für Barrierefreiheit und somit für seniorengerechten Wohnungsbau und für einen barrierefreien Personenverkehr gestellt. Leider wurde diesen Anträgen nicht gefolgt.

Letzter Satz: Wir betrachten den SPD-Antrag als Einstieg in eine sachgerechte Debatte über das Thema „Suizid im Alter“

 

(Glocke des Präsidenten)

- ja, ich komme zum Schluss - und begleiten die vorgeschlagenen Ansätze gern aktiv mit. Wir freuen uns auf eine vernünftige Auseinandersetzung. Frau Prüssner, auch Sie haben das signalisiert. Ich denke, da kommen wir gemeinsam einen Schritt weiter.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der LINKEN, bei der SPD und bei den GRÜNEN)