90 Jahre Frauenwahlrecht - Rede von Kreszentia Flauger

Kreszentia Flauger, Fraktionsvorsitzende

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Als Vertreterin einer Fraktion, bei der das Thema Gleichberechtigung im Gegensatz zur CDU in guten Händen ist, begrüße ich ausdrücklich, dass der Landtag vorgestern mit einem Empfang und heute auch mit einer Rede der von mir als sehr kompetent geschätzten Landtagsvizepräsidentin Frau Vockert 90 Jahre Frauenwahlrecht angemessen gewürdigt hat.

Wir hätten uns noch mehr gefreut, wenn auch der Jahrestag der Novemberrevolution gewürdigt worden wäre. Immerhin haben mit dieser Revolution mutige Frauen und Männer erkämpft, dass die politische Macht erstmals aus den Händen eines einzelnen, eines Monarchen, genommen und stattdessen in die Hände eines Parlaments gelegt wurde.

Im Übrigen sind beide Ereignisse nicht unabhängig voneinander zu sehen. Wir haben erst vorgestern von Frau Professorin Christiane Lemke beim Empfang hier im Landtag gehört, dass nicht ganz klar sei, warum dem Initiativantrag zur Einführung des Frauenwahlrechts letztendlich zugestimmt worden sei. Es habe wohl daran gelegen, dass man Furcht davor hatte, die Revolution könnte sich noch weiter ausweiten. Diese Einschätzung ist auch anderen Quellen zu entnehmen.

Mir erscheint es jedenfalls höchst plausibel, dass nicht der gesellschaftlich breit verankerte Wunsch nach Gleichberechtigung der Frauen damals ausschlaggebend war, sondern dass es wohl eher solche Gründe waren, wie vorgestern von der Professorin genannt. Damals gab es jedenfalls keinen Konsens darüber, dass Frauen die gleichen Rechte haben sollten wie Männer.

Heute haben Frauen in Deutschland das aktive und das passive Wahlrecht. Damit haben sie formal die gleichen Rechte wie Männer. Das haben sie in anderen Lebensbereichen auch. Aber faktisch haben es Frauen in vielerlei Hinsicht immer noch deutlich schwerer als Männer. Das hat viele Gründe. Ich möchte hier zwei kurz beleuchten.

Zunächst zum Rollenbild. Immer noch herrscht ein konservatives Rollenbild weitgehend vor. Ich möchte hier den Niedersächsischen Finanzminister zitieren - in dem Wissen, dass ich vielen Unrecht tue, die es verdient hätten, in gleicher Art und Weise hier kritisch erwähnt zu werden -: Herr Möllring hat in der vergangenen Woche beim Gewerkschaftstag des BTB zum Thema „Altersgrenze von Beamten“ gesagt: Na ja, man könne ja im Einzelfall darüber nachdenken, ob Beamte auch länger arbeiten können sollten, wenn sie noch keine Lust hätten, zu Hause die Füße hochzulegen, wenn die Frau mit dem Staubsauger kommt.

Das ist das Rollenbild, das immer noch in vielen Köpfen vorherrscht: Der Mann geht hinaus in das feindliche Leben und verdient das Geld und die Frau bleibt zu Hause und hütet den Herd.

Auf solche Rollenbilder prallt man, wenn man als Frau Wege gehen will, die für Männer als selbstverständlich angesehen werden. Ich hatte z. B. gegen deutlich mehr und auch gegen andere Widerstände zu kämpfen, um in einem IT-Unternehmen im konservativen Bankenbereich Führungskraft von 16 Mitarbeitern zu werden. Ich betone: Mitarbeitern; denn es war keine Frau dabei. Ich bin lange die einzige weibliche Führungskraft in diesem Unternehmen geblieben.

Ein zweiter Punkt. Gleiches Verhalten wird oft geschlechtsspezifisch sehr unterschiedlich bewertet. Ich möchte dafür als Beispiel Andrea Ypsilanti anführen.

Ihr Versuch, in Hessen Ministerpräsidentin zu werden, ist vielfach als machtbesessen tituliert worden; die anderen, weniger parlamentarischen Ausdrücke möchte ich hier gar nicht verwenden. Ich bin fest davon überzeugt, dass gleiches Verhalten von Männern anders bewertet worden wäre. Vielleicht wäre da sogar gesagt worden: Das ist ein mutiger Versuch.

Solche unterschiedlichen Bewertungen sind häufig. Man sagt: Männer wissen sich zu wehren, Frauen zicken rum. Männer sind zielstrebig, Frauen sind karriere… Über die unterschiedliche Bewertung, die bei Sexualität stattfindet, möchte ich gar nicht erst reden. Der Grat, auf dem sich Frauen in Bezug auf ihr Verhalten ohne negative Bewertung bewegen können, ist immer noch deutlich schmaler als der für Männer.

Wir sollten gemeinsam täglich darauf achten - ich spreche ausdrücklich auch die Frauen an - und immer wieder kritisch prüfen, ob wir in diesen Rollenbildern denken und ob wir, wenn wir das Verhalten einer Frau negativ bewerten, den gleichen Maßstab bei einem Mann anlegen würden.

Meine Damen und Herren, angesichts der vielen Hindernisse und der Schwierigkeiten, die sich Frauen immer noch entgegenstellen, wenn sie Wege gehen wollen, die für Männer selbstverständlich offen stehen, möchte ich für alle Mädchen und Frauen mit einem Zitat von Clara Zetkin, einer mutigen Vorkämpferin der Frauenbewegung, schließen:

„Lassen wir uns nicht schrecken durch die Ungunst äußerer Umstände, haben wir für alle Schwierigkeiten nur eine Antwort: Erst recht!“